Gustav Lilienthal 1849-1933
Dabei erkannten sie als erste, daß gewölbte Tragflächen
entscheidende Vorteile gegenüber ebenen Tragflächen haben. Darum
untersuchten sie die Eigenschaften unterschiedlich gewölbter Flächen
mit verschiedenen Anstellwinkeln immer wieder, orientiert an der Beobachtung
von Vögeln in der Natur. Ihre Entdeckungen sollten fundamental für
die folgende Entwicklung sein. Otto faßte die gemeinsamen Untersuchungen
und Erkenntnisse 1889 in dem Buch "Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst"
zusammen, das als erste wissenschaftliche Abhandlung der Flugtechnik gilt.
Otto, Ingenieur und Maschinenfabrikant, körperlich noch gewandter
als Gustav, trieb die praktische Realisierung von Flugapparaten voran.
Er ging damit als Vater des Menschenflugs in die Geschichte ein und wurde
mit nur 48 Jahren selbst Opfer seiner genialen Erfindung.
Der Lebensweg von Gustav Lilienthal war nicht weniger ungewöhnlich als der des Bruders, jedoch gänzlich anders. Zunächst lernte Gustav das Maurerhandwerk und ging dann zur Schinkelschen Bauakademie nach Berlin, verließ diese aber schon nach zwei Jahren ohne Abschluß. Während der Lehr- und Wanderjahre in Prag, beteiligt beim Bau des neuen Nordwestbahnhofes in London bei dem Architekten Crossland, beteiligt an Entwürfen für englische Wohnhäuser, besichtigte er unermüdlich Baudenkmäler, zeichnete sie ab und interessierte sich für verschiedene Kunstgewerbe. Seine Vielseitigkeit, Begabung und weitläufige Bildung werden in seiner Berufstätigkeit im Ausland deutlich: Er arbeitete u.a. während eines fast fünfjährigen Australien-Aufenthalts für die Eisenbahngesellschaft des Landes, war beteiligt als Architekt am Bau des Bahnhofs von Melbourne und baute Eisenbahnbrücken. Er durchforschte monatelang die Urwälder nach industriell verwertbaren Holzarten, wie sie zum Waggonbau gebraucht wurden. Bei seinen zahlreichen Dienstreisen in das Innere Australiens bewunderte er die schmucken Provinzstädte, die frei von behördlichen Auflagen in Selbstverwaltung sich entwickelt hatten. So eigenwillig Gustav Lilienthals Ideen auch waren, er konnte durch seine menschliche Wärme jeden Fremden sofort ins Familienleben mit einbeziehen und Kinder bezaubern. Für sie hat er Phantasie und Kreativität förderndes Spielzeug erfunden, damit den psychologischen Erkenntnissen seiner Zeit genial vorauseilend. Vertrauensvoll offen berichtete Gustav Lillenthal in zahllosen Vorträgen und Veröffentlichungen über seine Forschungsergebnisse, seine technischen und reformerischen Ideen und Beobachtungen. Wissenschaftler vieler Länder und Flugschüler waren mit ihm befreundet, gleicherweise Handwerker seines Baugeschäftes Jerrast-Baugesellschaft und auch die Bauherren seiner Villen in Lichterfelde. Seine bildungsbürgerlichen Ideale sozialer Reformen und geistiger Freiheit hat er vielfältig verwirklicht: Der Architekt und Baumeister baute unter anderem in Berlin-Lichterfelde 22, wie er es nannte, "famillenfreundliche Häuser". Auch sein eigenes und selbst entworfenes Wohnhaus in der Marthastraße 5 gibt noch Zeugnis von seinen Vorstellungen von bürgerlicher Wohnkultur, ausgehend vom englischen Landhausstil.
Einmal kurz vor seinem Tod zum Nationalsozialismus befragt, schüttelt der überzeugte Demokrat den Kopf. "Das kann nichts werden!" Bis zu seinem Tod ließ ihn der gemeinsame Jugendtraum der Brüder nicht los: Fliegen wie die Vögel. Gustav Lilienthal starb am 1.2.1933 bei der Arbeit an seinem Schwingenversuchsflugzeug in Berlin-Adlersho£ Die im Jahre 1989 gezeigte Ausstellung im Landesarchiv Berlin "Gustav Lilienthal - Baumeister - Lebensreformer - Flugtechniker" würdigte bereits sein Gesamtwerk. Die vom 10. 10. 1999 bis zum 19.12.1999 geplante Ausstellung ist als eine Erinnerung an einen sozial engagierten Flugforscher, Architekten, Erfinder, Menschenfreund und Lichterfelder Bürger gedacht und will nicht den Anspruch auf vollständige Dokumentation erheben. Sie zeigt Material aus verschiedenen Archiven (Landesarchiv Berlin, Deutsches Technikmuseum Berlin, Hoffnungstaler Anstalten, Archiv des Heimatvereins Steglitz, Modellbau-Steinspiel GmbH Rudolstadt und von Nachkommen). Die Ausstellung stützt sich auf die wissenschaftliche Dokumentation und schriftliche Hinterlassenschaft des ersten Lilienthal-Biographen, zeitweiligen Helfers und Schwiegersohns von Gustav Lilienthal, Gerhard Halle. Winfried Halle
Ausstellungseröffnung am 8. Oktober 1999 150. Geburtstag von Gustav Lilienthal
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