Gustav Lilienthal 1849-1933
Anläßlich des 150. Geburtstages von Gustav Lilienthal am 9.10.1999 ehrt der Heimatverein Steglitz den Flugforscher, Erfinder, Architekten und Menschenfreund mit einer Ausstellung. 
Das gemeinsame Ziel von Otto Lilienthal und seinem ein Jahr jüngeren Bruder Gustav war der Menschenflug. Diesem Traum folgten beide bereits seit früher Kindheit in ihrer Heimatstadt Anklam. Schon im Alter von 13 bzw. 14 Jahren bauten sie ihr erstes Flügelpaar aus Weidenruten und Buchenspanbrettchen. 
Seit Beginn der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts wurden von den beiden Brüdern in Berlin systematische Versuche anhand einer Reihe von Modellen durchgeführt.

1905 auf dem künstlichen Reittier
Foto: Landesarchiv Berlin

Dabei erkannten sie als erste, daß gewölbte Tragflächen entscheidende Vorteile gegenüber ebenen Tragflächen haben. Darum untersuchten sie die Eigenschaften unterschiedlich gewölbter Flächen mit verschiedenen Anstellwinkeln immer wieder, orientiert an der Beobachtung von Vögeln in der Natur. Ihre Entdeckungen sollten fundamental für die folgende Entwicklung sein. Otto faßte die gemeinsamen Untersuchungen und Erkenntnisse 1889 in dem Buch "Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst" zusammen, das als erste wissenschaftliche Abhandlung der Flugtechnik gilt. Otto, Ingenieur und Maschinenfabrikant, körperlich noch gewandter als Gustav, trieb die praktische Realisierung von Flugapparaten voran. Er ging damit als Vater des Menschenflugs in die Geschichte ein und wurde mit nur 48 Jahren selbst Opfer seiner genialen Erfindung. 
 



 


Der Lebensweg von Gustav Lilienthal war nicht weniger ungewöhnlich als der des Bruders, jedoch gänzlich anders. Zunächst lernte Gustav das Maurerhandwerk und ging dann zur Schinkelschen Bauakademie nach Berlin, verließ diese aber schon nach zwei Jahren ohne Abschluß. Während der Lehr- und Wanderjahre in Prag, beteiligt beim Bau des neuen Nordwestbahnhofes in London bei dem Architekten Crossland, beteiligt an Entwürfen für englische Wohnhäuser, besichtigte er unermüdlich Baudenkmäler, zeichnete sie ab und interessierte sich für verschiedene Kunstgewerbe. Seine Vielseitigkeit, Begabung und weitläufige Bildung werden in seiner Berufstätigkeit im Ausland deutlich: Er arbeitete u.a. während eines fast fünfjährigen Australien-Aufenthalts für die Eisenbahngesellschaft des Landes, war beteiligt als Architekt am Bau des Bahnhofs von Melbourne und baute Eisenbahnbrücken. Er durchforschte monatelang die Urwälder nach industriell verwertbaren Holzarten, wie sie zum Waggonbau gebraucht wurden. Bei seinen zahlreichen Dienstreisen in das Innere Australiens bewunderte er die schmucken Provinzstädte, die frei von behördlichen Auflagen in Selbstverwaltung sich entwickelt hatten. 

So eigenwillig Gustav Lilienthals Ideen auch waren, er konnte durch seine menschliche Wärme jeden Fremden sofort ins Familienleben mit einbeziehen und Kinder bezaubern. Für sie hat er Phantasie und Kreativität förderndes Spielzeug erfunden, damit den psychologischen Erkenntnissen seiner Zeit genial vorauseilend. 

Vertrauensvoll offen berichtete Gustav Lillenthal in zahllosen Vorträgen und Veröffentlichungen über seine Forschungsergebnisse, seine technischen und reformerischen Ideen und Beobachtungen. Wissenschaftler vieler Länder und Flugschüler waren mit ihm befreundet, gleicherweise Handwerker seines Baugeschäftes Jerrast-Baugesellschaft und auch die Bauherren seiner Villen in Lichterfelde. Seine bildungsbürgerlichen Ideale sozialer Reformen und geistiger Freiheit hat er vielfältig verwirklicht: Der Architekt und Baumeister baute unter anderem in Berlin-Lichterfelde 22, wie er es nannte, "famillenfreundliche Häuser". Auch sein eigenes und selbst entworfenes Wohnhaus in der Marthastraße 5 gibt noch Zeugnis von seinen Vorstellungen von bürgerlicher Wohnkultur, ausgehend vom englischen Landhausstil. 

Im Gegensatz zu den Repräsentationsvillen der Neureichen der Jahrhundertwende hat Lillenthal auch an die Bedürfnisse der Kinder, Hausfrauen und des Personals gedacht. Er realisierte seine Häuser nicht in Stockwerksebenen, sondern als behagliche Raumgebilde und war ein Meister der Raumaufteilung. Bis in zahlreiche Details sind die Häuser technisch und ökonomisch genau durchdacht. Mit einem der sparsamen Wärmehaltung dienenden zweischaligen Aufbau des Mauerwerks mit Luftschicht, einer Warmluftheizung und mit Wandschränken war Gustav Lilienthal seiner Zeit weit voraus. Er besaß ein besonderes Gespür dafür, wie man mit bescheidenen Geldmitteln, ausgewogen von "praktisch" und "schön", Häuser bauen kann, in denen Menschen gern leben. Darum hat auch Gustav Lilienthal lebenslang mit führenden Sozialreformern an Plänen zur Beseitigung des Wohnungselends in Großstädten gearbeitet. Schon früh erkannte er in England, Australien und Deutschland die negativen Folgen der Bodenspekulation beim Wohnungsbau für die arbeitende Bevölkerung. So schloß er sich der Bodenreformbewegung von Adolf Damaschke an und gründete eine der ersten Baugenossenschaften in Berlin, die "Freie Scholle". Er entwickelte neue und preiswerte Baumethoden, die er auch in der Obstbaukolonie Eden bei Oranienburg und vor allem für die v. Bodelschwinghschen Kolonien Gnadental, Hoffnungstal und Lobetal bei Bernau einsetzte, wobei die Baugenossen bzw. die "Brüder der Landstraße" selbst Hand anlegen konnten. Der Pädagoge erfand nicht nur der Phantasie freien Lauf lassendes Kinderspielzeug wie den Steinbaukasten, der später unter dem Namen "Anker-Steinbaukasten" der Fa. FAd. Richter berühmt wurde, sondern gründete auch eine Handarbeitsschule "zur Hebung des weiblichen Geschmacks". Natürlich trugen Gustav Lilienthal, seine Frau Anna und die fünf Töchter individuelle Kleidung, sie wurden Mitglieder im "Wandervogel", ebenso in Moritz von Egidys "Gesellschaft für ethische Kultur". Briefe von Gustav Lilienthal im Verlauf der vielen langen Auslandsreisen be-zeugen seine Sensibilität gegenüber fremden Kulturen und den unbeirrten Glauben, daß die Erfindung des Fliegens zur Völkerverständigung beitragen werde. 

Einmal kurz vor seinem Tod zum Nationalsozialismus befragt, schüttelt der überzeugte Demokrat den Kopf. "Das kann nichts werden!" Bis zu seinem Tod ließ ihn der gemeinsame Jugendtraum der Brüder nicht los: Fliegen wie die Vögel. Gustav Lilienthal starb am 1.2.1933 bei der Arbeit an seinem Schwingenversuchsflugzeug in Berlin-Adlersho£ Die im Jahre 1989 gezeigte Ausstellung im Landesarchiv Berlin "Gustav Lilienthal - Baumeister - Lebensreformer - Flugtechniker" würdigte bereits sein Gesamtwerk. Die vom 10. 10. 1999 bis zum 19.12.1999 geplante Ausstellung ist als eine Erinnerung an einen sozial engagierten Flugforscher, Architekten, Erfinder, Menschenfreund und Lichterfelder Bürger gedacht und will nicht den Anspruch auf vollständige Dokumentation erheben. Sie zeigt Material aus verschiedenen Archiven (Landesarchiv Berlin, Deutsches Technikmuseum Berlin, Hoffnungstaler Anstalten, Archiv des Heimatvereins Steglitz, Modellbau-Steinspiel GmbH Rudolstadt und von Nachkommen). Die Ausstellung stützt sich auf die wissenschaftliche Dokumentation und schriftliche Hinterlassenschaft des ersten Lilienthal-Biographen, zeitweiligen Helfers und Schwiegersohns von Gustav Lilienthal, Gerhard Halle. 

Winfried Halle 

Ausstellungseröffnung am 8. Oktober 1999

150. Geburtstag von Gustav Lilienthal
Ausstellung des Heimatvereins Steglitz
in seinen Räumen in der Drakestraße 64, 12205 Berlin, Tel. 833 21 09
bis 22. Dezember 1999
Mo von 16.00 bis 19.00 Uhr und 
Mi von 15.00 bis 18.00 Uhr und 
So von 14.00 bis 17.00 Uhr